Ein Blick in die Zukunft
Spoiler für: Blut und Bytes, Kraft und Kontrolle
Geschichtsabschnitt lesen
Es war bereits dunkel, als er von Bord seines alten Schoners trat.
Seine schwere Lederjacke schützte ihn vor der Kälte des nächtlichen Regens. Der Wellengang peitschte beinahe wütend gegen die kalte Mauer des Docks, als würde das Meer selbst dagegen protestieren, dass er es heil zurück in den Hafen geschafft hatte.
Die nassen Kopfsteinpflaster spiegelten das brüchige Licht der Straßenlaternen und tauchten die kalte, unnahbare Straße in einen goldenen Schimmer. Regentropfen liefen über Holzpfosten und Seile, während der Wind den salzigen Geruch des Meeres durch die Nacht trug.
Am Ende des Stegs setzte er den Fuß auf die nassen Steine. Seine Lederstiefel fanden kaum Halt auf dem glitschigen Untergrund, doch seine starken Beine hatten ihn schon durch weit härtere Situationen getragen.
„Kasen, Coven, Elara ... kommt ihr? Ich will endlich ins Trockene!“
Drei eher zierliche Gestalten kamen näher.
Covens kurzes schwarzes Haar klebte bereits nass an seinem Kopf und seine grünen Augen waren erfüllt von Staunen und kaum zu fassendem Unglauben. „Sind wir wirklich da?“
Auf Kasens Schulter hatte es sich ihr kleiner blau gefiederter Begleiter Alli gemütlich gemacht. Ihre eigenen Augen funkelten in einem tiefen Blau, während sie ihre Kräfte nutzte, um jeden einzelnen Regentropfen davon abzuhalten, sie überhaupt zu berühren.
„Ich wäre trotzdem lieber geflogen“, murmelte sie.
Elara zog ihre pinke Lederjacke zurecht. Das große weiße E und die Zahl 19 zeichneten sich deutlich auf ihrem Rücken ab, während sie eher widerwillig das Deck verließ. „Ich habe das Gefühl, dieses Meer hätte uns niemals einfach so gehen lassen.“
Der Mann zog seinen Dreispitz etwas tiefer ins Gesicht. „Na, wird's bald?“
Kasen versuchte noch mit normalen Schritten über die nasse Planke zu gehen. „Ja, ist ja gut ... hetz uns nicht, Marcel.“
Coven hielt sich vorsichtig an ihr fest und suchte Halt.
Kasen atmete tief durch. Das Blau ihrer Augen begann stärker aufzuleuchten.
Dann hob sie beide mit ihren telekinetischen Kräften langsam vom Boden an und ließ sie ruhig und kontrolliert über die letzten Meter bis auf das sichere Kopfsteinpflaster gleiten.
Marcel reckte leicht die Nase in die Luft und atmete tief durch. „Ah ... nirgends ist die Luft besser als daheim.“
Auch Elara schloss zu den anderen auf. „Sag mal, Captain ... wenn du Kasen und Coven mitgenommen hast, warum dann nur mich? Wo ist mein Dorian?“
Marcel sah sie einen Moment lang schweigend an. Etwas Nachdenkliches huschte durch seinen Blick. „Elara ... es gibt Dinge, die aus deiner jetzigen Perspektive keinen Sinn ergeben. Aber vertrau mir bitte. Es wird sich dir erschließen, sobald wir die Taverne betreten haben.“
Elara atmete hörbar durch. Ihre blutroten Augen funkelten im schwachen Licht der Laternen. „Na gut ... so lange kann ich noch auf eine Antwort warten. Aber solltest du mich austricksen, dann ...“
Sofort legte Kasen ihr eine Hand auf die Schulter und schüttelte sacht den Kopf. „Nein, Elara. Das ist nicht der richtige Weg. Ich wette, es gibt eine ziemlich gute Erklärung dafür. Aber lass uns das bitte im Trockenen besprechen.“
Sie ließ ihre Schultern etwas sinken. „Es ist anstrengend, den Regen umzulenken. Ich will endlich rein.“
Ein kleines Lächeln huschte über Marcels Gesicht. „Na dann kommt.“
Sofort drehte er sich um und ging los.
Am Rand des Docks drangen warme Lichter aus einer unscheinbaren Taverne nach draußen. Mit jedem Schritt kamen sie näher und allmählich begann sich die wohlig klingende Musik aus dem Inneren durch Regen und Wind zu kämpfen, als würde sie sie bereits willkommen heißen.
Mit einem festen Ruck öffnete Marcel die Tavernentür und machte ein paar mächtige Schritte ins Innere. Sofort umströmte ihn die wohlig warme Luft, während dicke Wassertropfen von seiner durchnässten Lederjacke und den schweren Stiefeln auf den Holzboden fielen.
Direkt hinter ihm traten auch Kasen, Coven und Elara ein. Kaum hatten sie die Taverne betreten, schlüpfte Alli unter Kasens Kragen hervor und ließ sich fröhlich piepsend auf ihrer Schulter nieder.
Marcel steuerte ohne zu zögern den Tresen an und ließ sich auf einen der Hocker fallen, als hätte dieser Platz all die Jahre nur auf ihn gewartet.
Noch bevor er etwas sagen konnte, trat die Thekendame mit einem warmen Lächeln heran. „Guten Abend, Kapitän. Wie war die Reise?“
Marcel griff nach dem großen Glas, das bereits vor ihm stand.
„Guten Abend, Nova. Schön, dich wiederzusehen. Die Reise war gut. Dieses Mal habe ich sogar drei Stück mitgebracht.“ Er hob das Glas leicht an. „Und wie läuft es hier?“
Nova lehnte sich ein Stück über den Tresen. Ein wissendes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Hier läuft alles wie immer.“ Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Also hervorragend. Die Gäste benehmen sich vorbildlich.“
Marcel schmunzelte und ließ seinen Blick durch den Schankraum wandern.
Elara hatte sich unterdessen ein paar Schritte vom Tresen entfernt. Ihr Blick suchte zwischen den Gästen nach einem vertrauten Gesicht.
Auf der anderen Seite der Taverne war Elara eine vertraute Lederjacke aufgefallen.
Mit einem Lächeln auf den Lippen ging sie darauf zu. „Hey, Liebling. Du bist ja doch hier. Ich dachte schon ...“
Mitten im Satz blieb sie stehen. Ihr Lächeln erstarb.
Die Person, die sie für Dorian hielt, saß eng neben einer Frau und küsste sie zärtlich.
Erst jetzt fiel Elara auf, dass die Frau ebenfalls eine pinke Lederjacke trug. Für einen kurzen Moment glaubte sie, sich selbst gegenüberzustehen.
Doch als ihr Blick auf den Rücken der Jacke fiel, bemerkte sie den entscheidenden Unterschied.
Dort, wo auf ihrer eigenen Jacke ein großes weißes E aufgenäht war, prangte auf dieser Jacke ein ebenso großes K.
Elara blinzelte irritiert. „...K?“
Mit wütenden Schritten stapfte Elara auf die beiden zu. Ohne zu zögern packte sie den Mann an der Schulter und riss ihn zu sich herum.
„Dorian, du mieser ...“ Die Worte blieben ihr im Hals stecken.
Stattdessen holte sie aus.
Klatsch!
Die schallende Ohrfeige hallte durch die ganze Taverne.
„Was fällt dir eigentlich ein?“, fuhr sie ihn an. „Du küsst hier einfach eine andere? Und dann trägt sie auch noch dieselbe Lederjacke wie ich! Spinnst du eigentlich?“
Der junge Mann starrte sie völlig verdutzt an. „Dorian? Aber ... das ist doch ...“
Noch bevor er den Satz beenden konnte, durchbrach ein lautes Scheppern die Stille.
An der Theke war ein Glas zu Boden gefallen und in unzählige Scherben zersprungen. Alle Blicke wanderten dorthin. Dorian war kreidebleich geworden.
Seine Hände zitterten, als er langsam vom Barhocker aufstand.
Mit jedem Schritt, den er auf Elara zuging, schien ihm das Atmen schwerer zu fallen.
Seine Stimme bebte. „...Elara?“
Elara fuhr herum. Ein älterer Mann kam langsam auf sie zu.
Sie musterte ihn verwirrt. „Wer ... wer bist du?“
Dorian blieb direkt vor ihr stehen. Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Elara ...“ Er rang hörbar nach Luft. „Bist ... bist du das wirklich?“
Elara sah ihn lange an. „Wer bist du?“
Dann glitt ihr Blick zurück zu dem jungen Mann, dem ihre Ohrfeige noch immer deutlich ins Gesicht geschrieben stand.
Und plötzlich, sah sie es. Nicht die Gesichtszüge. Nicht die Kleidung. Sondern diesen vertrauten Schimmer in den Augen.
Langsam wich alle Wut aus ihrem Gesicht.
„Du ...“ Sie sah den jungen Mann an. „Du bist gar nicht mein Dorian ...“
Der junge Mann schluckte. „Nein.“ Er senkte kurz den Blick. „Ich bin Damian.“
Eine kleine Pause. „Dorians Sohn.“
Elara riss die Augen auf. „Wie bitte?“
Sie sah zwischen beiden hin und her. „Kann mir vielleicht endlich jemand erklären, was hier eigentlich los ist?“
Dorian schüttelte nur langsam den Kopf.
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Leider nicht.“ Er machte einen weiteren Schritt auf sie zu. „Aber ... Elara ...“
Eine Träne löste sich aus seinem Auge. „Du lebst.“
Noch bevor irgendjemand etwas sagen oder reagieren konnte, schlang er beide Arme um sie und zog sie fest an sich.
Er hielt sie, als hätte er Angst, sie könnte jeden Augenblick wieder verschwinden.
Dann brach es aus ihm heraus.
Er begann hemmungslos zu weinen. „Du lebst ...“
Damian blieb einen Moment regungslos neben ihnen stehen.
Kaia legte ihm sanft eine Hand auf den Rücken und strich beruhigend darüber.
Langsam begann sich auch sein Blick zu verändern. „Moment mal ...“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Elara ...“ Seine Augen wurden groß. „...Mama?“
Auch seine Augen füllten sich mit Tränen.
Dorian schniefte hörbar, streckte einen Arm nach seinem Sohn aus und zog ihn wortlos mit in die Umarmung hinein. „Elara ...“
Eine ganze Weile standen die drei einfach nur da.
Vater und Sohn weinten leise, während Elara sie festhielt und noch immer kaum verstand, was hier eigentlich geschah.
Erst nach einigen Minuten löste sich die Umarmung langsam. Gemeinsam setzten sich die vier an einen freien Tisch.
Dorian konnte den Blick nicht von Elara lösen.
„Elara ...“ Er lächelte unter Tränen. „Du lebst.“
Elara nickte langsam. „Ja ... das hast du inzwischen schon ein paar Mal gesagt.“
Sie musterte ihn nachdenklich. „Aber was ist denn los mit dir? Und ... warum bist du so alt?“
Dorian schluckte schwer und rang einen Moment nach Fassung. „Du siehst aus, als wärst du kaum älter als dreiundzwanzig.“
Er senkte kurz den Blick. „Aber ich ... wir ...“ Seine Stimme wurde wieder brüchig. „Elara ... es ist so viel Zeit vergangen.“
Langsam sah er zu Damian hinüber. „Wir hatten einen Sohn.“ Eine lange Pause. „Und du bist gestorben, als er noch ein Kind war.“
Elara schwieg. Dann fiel ihr Blick auf Damian. Langsam begann sich alles zusammenzufügen.
Ein leises Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. „Jetzt verstehe ich langsam, was der Kapitän gemeint hat.“
Sie atmete tief durch. „Es muss furchtbar für dich gewesen sein ... so lange ohne mich.“
Weiter kam sie nicht. Sie sah, wie Dorian erneut mit den Tränen kämpfte.
Behutsam beugte sie sich zu ihm hinüber und küsste ihn sanft auf die Lippen. „Ich bin jetzt hier, Liebling.“ Dann wandte sie sich Damian zu. „Und du bist wirklich mein Sohn? Damian?“
Damian nickte. In seinem Blick lag inzwischen etwas, das Elara noch nie zuvor gesehen hatte. Nicht nur Liebe. Bewunderung.
Fast Ehrfurcht. „Ja, Mama.“ Seine Stimme zitterte. „Ich bin dein Sohn.“
Dorian musste unwillkürlich schmunzeln. „Elara ...“ Er wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. „Er kann es.“
Elara zog verwirrt die Augenbrauen zusammen. „Was kann er?“
Dorian grinste stolz. „Er kann das, was du kannst.“
Elaras Blick wanderte sofort zu Damian. „Du kannst die Schallmauer durchbrechen?“
Damian begann zu lächeln. Seine Augen leuchteten.
„Ja.“ Er nickte. „Das kann ich.“
Kurz sah er zu Kaia. „Wir haben damit das große Rennen gewonnen.“
Dorian legte Elara eine Hand auf den Arm. „Die Veranstalter haben nach deinem Tod jedes Jahr ein Gedenkrennen zu deinen Ehren veranstaltet.“
Er lächelte seinen Sohn an. „Und Damian hat es gewonnen.“ Sein Blick wanderte zu Kaia. „Gemeinsam mit Kaia.“
Auch Kaia lächelte nun voller Stolz. Elara sah sie einen Moment lang an.
Dann fiel ihr Blick auf die vertraute Lederjacke. „Trägt sie deshalb meine Jacke?“
Dorian nickte langsam. „Ich habe sie nach deinem Tod aufgehoben.“
Er lächelte wehmütig. „Sie liebt das Fliegen genauso wie du.“ Sein Blick ruhte kurz auf Kaia. „Jedes Mal, wenn ich sie fliegen sah, musste ich an dich denken.“
Er senkte leicht den Kopf. „Deshalb ... habe ich sie ihr irgendwann gegeben.“
Elara nickte verständnisvoll. Ein sanftes Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
„Schon gut.“ Sie griff nach Dorians Hand. „Ich verstehe.“
Aus dem Augenwinkel sah Elara, wie Kaia sich sanft an Damian lehnte. „Geht es dir gut, Liebling?“
Damian nickte langsam. „Es ist ... viel auf einmal.“ Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. „Aber es ist schön.“
Elara beugte sich neugierig ein Stück über den Tisch. „Also ... du bist die Freundin meines Sohnes?“
Kaia lächelte freundlich. „Ja.“ Sie nickte leicht. „Kaia Nyte.“
Elara runzelte die Stirn. „Nyte ...?“ Nachdenklich legte sie den Kopf schief. „Diesen Nachnamen kenne ich doch irgendwoher ...“
Plötzlich weiteten sich ihre Augen. „Der Solaris-Clan.“
Langsam drehte sie sich zu Dorian. „Wie konntest du das zulassen?“
Dorian legte ruhig eine Hand auf ihre Schulter. „Ganz ruhig, Liebling ...“
Doch Elara ließ den Blick nicht von ihm. „Wie konntest du das zulassen?“
Sein Griff wurde etwas fester. „Elara ...“
Ihre blutroten Augen funkelten ihn an. „Der Vyrus-Clan wird euch alle töten!“
„Elara!“ Zum ersten Mal wurde Dorians Stimme etwas lauter. „Jetzt beruhige dich.“ Er atmete tief durch. „Ich habe das geregelt.“
Elara sah ihn ungläubig an. „Aber warum?“ Ihre Stimme wurde leiser. „Warum hast du den Kodex gebrochen?“
Die Antwort platzte förmlich aus ihm heraus. „Weil ich ihn nicht auch noch verlieren konnte!“
Stille. Für einen Moment sagte niemand etwas. Elara sah ihn einfach nur an. Langsam erkannte sie den Schmerz in seinen Augen.
„Dorian ...“ Ihre Stimme wurde weich. „Dir war doch nie etwas wichtiger als der Kodex.“
Sie schluckte. „Wie sehr hat es dich zerstört ... mich zu verlieren?“
Dorian senkte den Blick. Er antwortete nicht.
Damian räusperte sich leise. „Er ...“ Er sah kurz zu seinem Vater. „Er hat fünfzehn Jahre lang das Haus kaum noch verlassen.“
Eine Pause. „Er hat keine einzige Nacht mehr richtig geschlafen.“
Er stockte. In Dorians Blick lag ein stilles Flehen. Bitte. Erzähl das nicht. Damian begegnete seinem Blick. Dann nickte er ihm sanft zu.
„Ich konnte ihn nie aus diesem Abgrund holen.“ Er griff nach Kaias Hand. „Kaia konnte es.“
Dorian schloss für einen Moment die Augen. „Sie ...“ Er lächelte traurig. „Sie hat mich so sehr an dich erinnert, Elara.“ Sein Blick wanderte zu Damian. „Und wenn ich ihn angesehen habe ... habe ich mich selbst gesehen.“
Er schluckte schwer. „Ich wollte nicht, dass er denselben Weg gehen muss wie ich.“
Erst jetzt verstand Elara. Sie zog scharf die Luft ein.
Ohne zu überlegen griff sie nach Dorian und zog ihn fest an sich. „Oh Gott ... Dorian.“ Sie strich ihm sanft durchs Haar. „Mein Liebling ...“ Ihre Stimme zitterte. „Die Zeit ist grausam mit dir umgegangen.“
Dorian vergrub das Gesicht an ihrer Schulter und hielt sich an ihr fest.
Ganz leise sagte er: „Aber jetzt ... sind wir wieder zusammen.“
Sein Blick glitt zu Damian und Kaia.
Ein müdes, glückliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Wir alle vier.“
Damian zog Kaia wortlos etwas näher zu sich. Keiner sagte noch etwas. Sie saßen einfach nur beieinander. Vier Vampire, die so viel verloren hatten.
Und die für einen einzigen kostbaren Augenblick das Gefühl hatten, endlich wieder vollständig zu sein.